Ruzicka-Prozess
14.11.2008. Die Prozessbeteiligten im Untreueverfahren gegen Aleksander Ruzicka und David Linn legen plötzlich ein bemerkenswertes Tempo vor. Die 6. Strafkammer des Landgericht Wiesbaden unter Vorsitz von Richter Jürgen Bonk arbeitete sich in den letzten beiden Prozesswochen durch rund 20 Beweisanträge von Ruzicka-Verteidiger Marcus Traut.
David Linn äußerte auf Befragung des Richters erneut, dass er keine Leistungen für Camaco erbracht hat. Er widersprach damit der Aussage Ruzickas. Linn habe keine Kenntnis über die behauptete Kostenauslagerung bei Aegis Media-Events gehabt. Ruzicka habe zwar die ein oder andere überraschende Zusatzinformation gehabt. Die Wertigkeit dessen könne er aber nicht beurteilen. Linn sagte, dass Aegis Media jährlich einen hohen einstelligen Millionenbetrag durch den rabattierten Verkauf von agenturspezifischen Freispots an die Werbekunden verdient hätte.
Er sprach aber auch von weiteren entgangenen Gewinnmöglichkeiten für Aegis Media. Linn ist einer der vier Treugeber von Camaco und hatte in Summe rund 2 Millionen Euro erhalten. Inzwischen soll sich Linn mit Aegis Media verständigt und eine außergerichtliche einvernehmliche Regelung mit Rückzahlung der 2 Millionen Euro getroffen haben. Linn hatte die angeklagte Summe von 51,2 Millionen Euro nachgerechnet und bestätigt, nicht jedoch ein vorsätzlich schadhaftes Verhalten seinerseits eingeräumt.
Auch Aleksander Ruzicka wurde in dieser Prozesswoche erneut befragt. Richter Bonk richtete seinen Fokus zunächst auf die behauptete Informationsbeschaffung. Dies betraf laut Ruzicka allgemein verfügbare Quellen wie Nielsen S&P aber auch ein von Aegis Media aufgebautes Informationsnetz. Staatsanwalt Wolf Jördens rückte bei seiner überraschend kurzen Befragung konkrete Fallbeispiele in den Mittelpunkt. So zum Beispiel die Scheinrechnungen, die Emerson FF an Aegis Media geschickt hat.
Allein durch deren Bezahlung sollen mehr als 30 Millionen Euro aus dem Vermögen von Aegis Media abgezogen worden sein. Aus diesen Rechnungen soll sich ergeben, dass Aegis Media „Vermittlung von Werbezeiten“ aber nicht Werbezeiten berechnet wurde. Vor diesem Hintergrund ist es mehr als fraglich, dass diese Rechnungen die Buchhaltung von Aegis Media automatisch und ohne Kontrollmöglichkeit passiert haben sollen. Insbesondere wenn keine Vermittlung stattgefunden hat und den Rechnungen kein Rechtsgrund zugrunde lag, wie die Staatsanwaltschaft angeklagt und festgestellt haben will.
Aleksander Ruzicka hatte im Interview mit absatzwirtschaft als auch vor Gericht betont, dass nie Agenturgeld betroffen gewesen sei. Die Geldflüsse zu Emerson FF und weiter zu seinen Firmen Camaco und Watson seien aus Kundengeldern über die EKV-Konten bei Aegis Media erfolgt. Man habe immer strikt zwischen Agenturgeld und Kundengeld getrennt. Da kein Agenturgeld bewegt worden sei, könne Aegis Media nicht geschädigt worden sein.
Da die Kunden sämtliche Leistungen und vertragskonforme Sonderboni erhalten haben, seien auch diese nicht geschädigt worden. Für Aegis Media seien die Scheinrechnungen von Emerson FF ein Nullsummenspiel gewesen, da die Beträge 1:1 an die Kunden durchgereicht worden seien, so Ruzicka. Aegis Media könne daher keinen geldwerten Schaden erlitten haben, den die Mediaagentur behauptet.
Nach Auffassung der Wiesbadener Ermittler macht es für den Tatvorwurf der hier angeklagten Untreue jedoch keinen Unterschied ob die Scheinrechnungen von Emerson FF aus Kundengeld oder Agenturgeld bezahlt wurden. Darauf angesprochen meint Oberstaatsanwalt und Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Wiesbaden, Hartmut Ferse, gegenüber absatzwirtschaft:
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